Liebe Kunstpflanzenliebhaber... Ein Plädoyer für die Stigmatisierten.

von Stephanie_Danner | 31.01.2014 | pflanze , plastik , plastikpflanze , unecht | 0 Kommentare | Bewertung: 1 Bewertungen

Plastik Pflanze

Plastik Pflanze

Plastik Pflanze

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Es ist an der Zeit hier und jetzt ein ernstes Thema anzusprechen: Die Ausgrenzung aller Plastikpflanzenliebhaber dieser Welt.

Missverstanden in ihren Motivationen, schablonisiert und selten für voll genommen sind die Kunstpflanzenbesitzer seit Generationen ein leichtes Opfer für die selbsternannte Elite der „echten“ Begrünungsspezialisten. Dieser Marginalisierung durch die Herrschaft botanischer Hegemonie kann nur Einhalt geboten werden, wenn wir von unserem hohen Gärtnerross steigen und uns auf die Welt dieser Pflanzenbesitzern einlassen. Denn, wie können wir verurteilen, was wir gar nicht verstehen?

Eine wesentliche Problematik findet sich schon in der verallgemeinernden Bezeichnungspraxis. Denn, wie bei jeder Gemeinschaft handelt es sich um eine äusserst heterogene Gruppe, eine Vielfalt von Individuen mit verschiedenen Vorlieben und Empfindlichkeiten. So kann der Eine aus schierer Ehrfurcht vor der komplexen Aufzucht und Pflege einer lebenden Orchidee eine künstliche bevorzugen und sich dabei wohl eher als hoch emphatischen Seidenblumenmenschen verstehen. Dann sind da auch die vielen verhinderten Lebendpflanzenpfleger, die selbst nicht ganz glücklich mit ihrem Plastikgärtnerdasein sind, aber keine andere Möglichkeit sehen. Menschen, die durch zu viele Rückschläge in der Pflanzenaufzucht den Gartenhandschuh endgültig geworfen haben oder Besitzer äusserst hinterlistiger, zu Vandalismus neigender Haustiere sind. Eine andere Variante ist der eher unsentimentale Pragmatiker, der absolut keine Lust auf die Beschäftigung mit lebendem Grün hat und mit ein paar Gras- und Schilfimitaten in einer überdimensionierten dunkelbraunen Vase neben der weissen Sofalandschaft sein Interieur abrunden will. Dieser Typus schert sich nicht darum wie er bezeichnet wird, er hat mit Gärtnerstolz sowieso nichts am Hut.

Diese Beispiele können nur im Ansatz erahnen lassen, wie verschieden die Besitzer künstlicher Pflanzen und ihre jeweiligen Beweggründe sind. Es muss aber auch festgehalten werden, dass es durchaus objektiv nachvollziehbare Argumente für die Fake-Pflanze gibt. Ein offensichtlicher Faktor ist sicher, dass sie extrem pflegeleicht ist. Alle paar Wochen oder Monate oder Jahre (je nach prinzipiellem Reinlichkeitsbedürfnis) abstauben. Das wars. Ausserdem können Plastikbäume und -blumengestecke und -Blumensträuße und -gräser und -bambus/holzarrangements wunderbar als Dekoration für die typischen dunklen Ecken dienen: Im Badezimmer mit wenig oder gar keinem Tageslicht, im Vorzimmer oder auf hoch gelegenen Regalen und Möbeln. Sie können ausserdem geliebte Pflanzenarten imitieren, die sonst drinnen ohne die volle Kraft des Sonnenlichts nur schwer oder gar nicht überleben. Auch der geliebte Weihnachtsbaum ist als künstliche Version zu haben. Wer jetzt aus nostalgischer Entrüstung den Wald vor lauter Plastikbäumchen nicht sieht, der bedenke, dass ein künstlicher Weihnachtsbaum viele Jahre gute Dienste leisten und dabei noch vielen lebenden Bäumen ihr Leben bewahren kann. Allergiegeplagte Menschen, die dennoch das Draussen in ihr zu Hause holen wollen, finden mit künstlichen Pflanzen eine echte Alternative. Ein Vorteil bei der Plastikpflanze sind sicher auch die wesentlichen Erleichterungen bei der Lieferung. Der Kaufrausch im Onlineshop kann ohne Bedenken kommen.

Also liebe Lebendgrüngärtner und Lebendpflanzenbesitzer (die Autorin nimmt sich hier nicht heraus): Viele Menschen haben viele gute Gründe um zur Kunstpflanze zu greifen. Und alle haben ihr Berechtigung. Wir müssen der unverblümten Zurschaustellung unserer „Gärtnerkünste“ ein Ende bereiten. Wenn wir, ach so grosszügig, die Früchte unseres Gartens an den Seidenblumenfreund verschenken, dann aus Freude am schenken und nicht um anzugeben. Wenn wir zum gemütlichen Grillabend einladen, dann sollten wir unseren Plastikbaumbesitzergästen die Wege und nicht unser Blumenbeet beleuchten. Und wenn wir alle, Schritt für Schritt gemeinsam in diese Richtung schreiten, dann wird die Vision eines gleichberechtigten Nebeneinanders, in dem unsere Unterschiede unsere Stärken sind, eines Tages Wirklichkeit.

Bildquelle:  Bestimmte Rechte vorbehalten von Ryan Gessner


Stephanie_Danner
Geschrieben von Stephanie_Danner
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