Die SS Ayrfield: Ein schwimmender Wald und die Schönheit kindlicher Angstlust.

von Stephanie_Danner | 18.03.2014 | urban , wald , schiff , sydney , mangroven , schwimmend | 0 Kommentare | Bewertung: 1 Bewertungen

floating forest

floating forest

floating forest

Bewerten:

In Sydney gedeihen auf einem Geisterschiff üppige Mangrovenbäume und machen Lust auf das Mirakulöse des Befremdlichen.

An dieser Stelle erlaube ich mir ein bisschen pathetisches Schwelgen in Kindertagen...  Erinnerungen an matschige Schuhen und lange Radtouren. Erinnerungen an die wohligen Schauer, wenn Umgebung und kindliche Phantasie verschmelzen und das eigene Tun zu mutigen Helden- und Entdeckertaten in einem grossen Abenteuer werden lassen. 

Tatsächlich habe ich mich als Kind im Spiel auf eine gewisse Art und Weise äusserst gerne gegruselt. Verlassene alte Häuser mit grauen, verdreckten Fensterscheiben und vergilbten Vorhängen haben in mir nicht nur Angst, sondern vor allem das Verlangen ausgelöst, diese Häuser zu entdecken -  zu sehen, wie weit ich gehen kann, bis das Gruseln doch Überhand nimmt und ich mich zu meinem Fahrrad stürzen und in sichere, vertrautere Gefilde zurückradeln muss. Ich horte einige solcher angenehm-gruseliger Rückblicke, bei denen der Schauplatz relativ oft selbst entdeckte „verlassene“ Orte draussen im Grünen waren. Abenteuer, die davon gelebt haben, kindliche Angst irgendwie zu geniessen und das Zauberhafte daran zuzulassen. 

Aber auch wenn ich in mir immer noch dieselbe Angstlust vorfinde, ist der Umgang damit wesentlicher phantasieloser und profaner geworden. Diese  Sehnsucht wird mit postapokalyptischen Romanen, Filmen oder Serien betäubt; der Wald ist nicht mehr Ort für Entdeckertum und Mutproben sondern  stadtnahes Erholungsgebiet und Fitnessparcours. Die Lust an der Angst arbeitet sich an vorgegebenen Narrativen ab.

Wohl deshalb freue ich mich immer wieder, wenn ich von Orten erfahre, die diese Art von Befremden, von Unergründlichkeit und eigenwilliger Mystik an sich haben - Orte, oft von Zufall und geschichtlichen Fügungen erschaffen, die die Entzauberung der Welt für ein paar Momente rückgängig machen können.  

Ein solcher „Ort“ findet sich im Homebush Bay in Sydney. Dort, auf dem Areal eines ehemaligen Verschrottungsplatzes für Schiffe, liegt unweit der Küste das Wrack der SS Ayrfield. Der 1,140 Tonnen schwere Gigant wurde 1911 gebaut und unter anderem im 2. Weltkrieg als Transportschiff genutzt. 1972 wurde es auf den Schrottplatz transportiert und sollte dort auseinander genommen werden. Allerdings: Nachdem die Arbeiten auf dem Abwrackungsgelände nach und nach eingestellt wurden, blieben einige der Schiffe einfach in der Bucht zurück und gerieten rein wirtschaftlich in Vergessenheit. Die fast 80 Meter lange SS Ayrfield schaffte es jedoch, sich einen Platz im kollektiven Bildgedächtnis zu erobern. Denn als einziges in dieser Ansammlung von Geisterschiffen ist sie wieder zu einem Ort des Lebens geworden, ein schwimmendes kleines Stück Wald, ein Industrie-Relikt, appropriiert von einer üppigen Fauna. Zahlreiche Mangrovenbäume gedeihen prächtig auf diesem Wrack, das, zumindest in der Theorie, nicht gerade ein idealer Ort für ein komplexes Wurzelsystem wie das der Mangroven ist. 

Eine bizarre Vereinigung von Industriemüll und Lebendigem, von Geschichte und Imagination, von Zufall und Magischem. Und  für mich vor allem eines: Ein Ort, den ich unglaublich, wahnsinnig und sagenhaft  gerne als Kind gefunden hätte.

Bildrechte: Hase don (Some rights reserved)


Stephanie_Danner
Geschrieben von Stephanie_Danner
Folge mir auf:

Anemone Coronaria.jpg VORHERIGER ARTIKEL:

Mohnblume? Oder doch Anemone?

von Natasha Starkell
Unkraut NÄCHSTER ARTIKEL:

Unkraut - Der ewige Feind des Gärtners

von Natasha Starkell

Beliebte Artikel