Die mehr oder weniger schmackhaften Geister der Evolution und ihre toten Verbündeten

von Stephanie_Danner | 20.02.2014 | avocado , evolution | 0 Kommentare | Bewertung: 2 Bewertungen

avocado

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Was war zuerst: Die Avocado oder das „Ei“, das das Riesenfaultier legte?

Die Biologen Daniel Janzen und Paul Martin prägten Anfang der 1980er Jahre den Begriff des evolutionären oder ökologischen Anachronismus. Gemeint sind Überbleibsel der Evolution, die an eine Funktion oder einen Partner gebunden sind, die der Zeit längst zum Opfer gefallen sind. Beim Menschen sind solche Geister der Evolution zum Beispiel Gänsehaut, Gesichtsbehaarung und - ich spreche das jetzt ohne wissenschaftliche Belege aus - meines Erachtens Männernippel. Auch die Tier- und Pflanzenwelt hat einige dieser paradoxen Existenzen vorzuweisen...

Selbst viele meiner eigentlich-Nicht-Gärtner-Freunde haben es schon einmal versucht: Nach einer schönen Guacamoleorgie beschliesst man aus dem Avocadokern ein kleines Bäumchen wachsen zu lassen. Bei mir zumindest hat das leider nie wirklich geklappt. Alle anfänglichen Erfolge sind innerhalb kürzester Zeit zu dürren, gelblichen kleinen Bäumchen verkommen, die mich stumm um Gnade anflehten. 

Natürlich hat der Avocadobaum selbst das auch ganz anders konzipiert – Bewegungsfaul wie er von Natur aus nunmal ist, hat er seinen Kern, also seinen Samen, in leckeres Fruchtfleisch verpackt. Der angesagte Weg also wie Pflanzen Tiere (und auch das Tier Mensch) dazu bringen mit der Frucht ihre Nachkommenschaft in sich aufzunehmen, woanders hin zu transportieren und dort beim Lesen der Tageszeitung in ein neues Dasein an der frischen Luft zu entlassen.

Was den Avocadokern angeht: Ich kann ihn ja schlecht meinen Kaninchen servieren, sie ein paar Stunden später in den Garten setzen und erwarten, dass sie kleine Avocadosetzlinge rausschiessen. Tatsächlich gibt es kein lebendes Tier mehr, dass die Avocado samt Samen verzehren könnte ohne daran zu ersticken oder sich zu vergiften. Denn die ursprünglichen Leihmuttertiere der Avocado haben seit langem das Zeitliche gesegnet. Selbstredend allesamt Sprosse des Types Megafauna – Riesensäugetiere also, als da wären das Riesenfaultier, der Urelefant oder die prähistorischen Riesengürteltiere. Sie alle konnten die Kerne wohl schlucken wie wir ein TicTac; und durch die, sagen wir mal, muskelentspannenden Wirkstoffe des Avocadofruchtfleisches auch relativ leicht wieder loswerden um somit den Fortbestand der Avocado sicherzustellen. Hätte der weise weise Mensch also nicht auch Geschmack am entspannenden Fruchtfleisch der Avocado gefunden, sie kultiviert und vor allem die Gattung Persea Americana in unsere Supermärkte gebracht, dann hätte der Avocado wohl dasselbe Schicksal wie ihren tierischen Verbündeten geblüht. Die Avocadopflanze selbst hat also vom Aussterben ihrer langlangjährigen Tierfreunde gar nichts mitbekommen und produziert weiter Früchte für Wesen, die es gar nicht mehr gibt.

Dieselbe Annahme gilt übrigens auch für andere, hauptsächlich tropische Früchte wie die Papaya und die Mango. Wer sich nun bei einem leckeren Obstsalat ein bisschen mehr in die Thematik der Zombies und Geister der Evolution einlesen möchte, dem sei dazu das Buch „The Ghosts of Evolution: Nonsensical Fruit, Missing Partners, and Other Ecological Anachronisms“   wärmstens empfohlen. 

Bildquelle:  Bestimmte Rechte vorbehalten von ceoln


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